Schulpartnerschaft soll Horizonte öffnen

Stolz halten Kathy (12), Lukas (14) und Justin (12) ihre Briefe in der Hand. Briefe, die sie aus Kenia erreicht haben und in denen Sätze geschrieben stehen wie „Ich mag dich“ oder „Du bist mein Freund“. Ähnliche Briefe haben die Siebtklässler der Udo-Lindenberg-Mittelschule auch schon an ihre gleichaltrigen Brieffreunde nach Afrika geschickt. Damit erfüllen sie (wie weitere ihrer Mitschüler) eine Schulpartnerschaft zwischen der Udo-Lindenberg-Mittelschule Mellrichstadt und dem St. Joseph House of Hope in Majengo, einem kleinem Dorf nahe Mombasa, mit Leben.

Es ist immer wieder bemerkenswert, was der Geist Udo Lindenbergs in der Mellrichstädter Mittelschule in den letzten Jahren bewirkt hat. Allen Zweiflern zum Trotz hat die Schulleitung hartnäckig festgehalten am Leitbild Udo Lindenberg und den Werten, für die der Künstler steht. Es brauchte viel Mut und Einsatz, die Zweifler verstummen zu lassen. Gelungen ist dies unter anderem mit den Aufführungen „Projekt Lindenberg“ (2016) und „Mutig gegen Rassismus“ (2017) in der Oskar-Herbig-Halle, in denen die Kinder und Jugendlichen lautstark ihre Stimmen gegen Rassismus, Rechtsradikalismus, Hass und Intoleranz erhoben. 2019 entstand das Theaterstück „Unterm selben Stern“, das 30 Jahre nach dem Mauerfall sehr emotional ein Stück deutsch-deutscher Geschichte wieder aufleben ließ.

Dabei sind es gar nicht die „ganz großen Geschichten“ und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit, die für Rektor Achim Libischer an erster Stelle stehen. Eher im Gegenteil: Libischer liegt es fern, alles, was im Schulalltag passiert, unmittelbar nach außen tragen zu müssen. So kam auch für die Schulpartnerschaft mit dem St. Joseph House of Hope der Stein bereits Ende 2019 ins Rollen, ohne dass man viel davon mitbekommen hätte.

Seit einigen Wochen hängt nun ein gerahmtes Foto im Schulhaus, das afrikanische Kinder zeigt, die ein Plakat in die Kamera halten, auf dem geschrieben steht: „Thank You, Udo-Lindenberg-Mittelschule“. Eine wunderschöne Aufnahme. Mit dem Plakat bedanken sich die Kinder der Partnerschule für ihre Schuluniformen, für die die Udo-Lindenberg-Mittelschule inzwischen 4.100 Euro nach Kenia überwiesen hat. Denn die meisten Schüler des St. Joseph House of Hope können sich weder das Schulgeld noch die notwendige Schuluniform leisten. Viele Schüler kommen hungrig, barfuß und mit abgetragenen Kleidern zur Schule. Von den Spenden aus Mellrichstadt konnten inzwischen mehr als 60 Kinder mit einer Schuluniform ausgestattet werden. 

Im Gepräch mit dem Streutal-Journal lässt Schulleiter Achim Libischer die Entstehung dieser Schulpartnerschaft noch einmal kurz Revue passieren. Erstmals richtete man im November 2019 den Blick nach Kenia, als Arno Köster, Udo Lindenbergs PR-Manager und enger Vertrauter, zu Gast war, um von den Aktivitäten der Udo-Lindenberg-Stiftung in Afrika zu berichten.

In zwei Durchgängen las Arno Köster aus seinem Buch „Hoffnung für Kenia“, und entführt die Kinder und Jugendlichen in ein Land, in dem das Leben so komplett anders verläuft als bei uns in Deutschland. Anhang von bewegenden Einzelschicksalen wuden die Schüler übe r die aus der Armut resultierenden Folgeerscheinungen wie fehlende Bildung, fehlende Krankenversicherung, Korruption, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Prostitution bis hin zum Verkauf der eigenen Kinder aufgeklärt und die Notwendigkeit von Hilfsmaßnahmen verdeutlicht.

Der Autor vergaß aber nie, darauf hinzuweisen, mit welcher Dankbarkeit, mit welchem Fleiß und mit welchem Optimismus die Kinder dort diese Situation meistern und wie sehr ihn die dortige Lebensfreude der Kinder beeindruckt. Besonders bei den Klassen 5 bis 7 legte Köster nach kurzer Zeit das Buch zur Seite, um die unzähligen Fragen der sich erstaunlich empathisch zeigenden Schüler zu beantworten.

Nach der Veranstaltung erzählte Arno Köster von einem Jungen, der sich nach der Lesung mit den Worten „Danke Herr Köster, dass Sie den armen Kindern in Afrika helfen“, verabschiedete. Ein anderes Kind spürte wohl den Umfang dieser riesigen Aufgabe und wünschte Köster „Gottes Segen für Ihre Arbeit in Afrika.“

Bei dem Theater-Projekt „Unterm selben Stern“ im April 2019 ließen die Schüler erste Taten folgen. Aaron Schneider verkündete den Gästen bei den Aufführungen in der Oskar-Herbig-Halle, dass eine Schulpartnerschaft mit dem St. Joseph House of Hope ins Leben gerufen wurde und bat um zweckgebundene Spenden anstelle eines Eintrittsgeldes.

Zuvor war Arno Köster in die Rolle des Vermittlers geschlüpft. „Er hat für uns eine Schule ausgewählt, die zu uns passt, was die Altersstruktur und Größe angeht“, so Rektor Achim Libischer. Auch die Chemie zwischen ihm und dem keniaischen Schulleiter Charles Kyalo stimmte auf Anhieb. Über WhatsApp steht man in engem Kontakt, regelmäßig werden kleine Videos und Bilder ausgetauscht. Die Briefe, die sich die Schüler aus Majengo und Mellrichstadt gegenseitig schreiben, werden ebenfalls über die Schulleiter an die jeweiligen Adressaten weitergeleitet, indem sie eingescannt und dann gesammelt per E-Mail verschickt werden.

Am 14. Juni 2019 gab es ein Wiedersehen mit Buchautor Arno Köster beim Konzert von Udo Lindenberg in der Messehalle Erfurt, zu dem die Udo-Lindenberg-Mittelschule auf Einladung ihres Namenspaten mit einem Doppeldecker-Bus angereist war. Vor Konzertbeginn hatte man Gelegenheit, mit Udo Lindenberg und Arno Köster persönlich ins Gespräch zu kommen. Ein erster Spendenscheck in Höhe von 3.000 Euro für das St. Joseph House of Hope wechselte den Besitzer. Strahlende Mienen gab es auf beiden Seiten beim darauffolgenden Blitzlichtgewitter.

Auch bei weiteren Aktionen wurden fleißig Spenden für die Partnerschule gesammelt, z. B. beim „Tag der offenen Tür“, als die Schüler nach der Aufführungen des Theaterstücks „Der Wolf und die sieben Geißlein“ ebenfalls eine Spendenbox durch die Besucherreihen wandern ließen. Im Juli 2019 initiierte man unter der Regie von Lehrer Bastian Reukauf außerdem einen Spendenlauf, für den sich die Schülerinnen und Schüler Sponsoren gesucht hatten, die bereit waren, für jede gelaufene Runde einen kleinen, vorher festgelegten Obolus zu zahlen. So kamen insgesamt weitere 1.100 Euro zusammen, die nach Kenia gespendet wurden.

Mehr als 60 Schuluniformen für gleichaltrige Freunde in Kenia – so lautet die erste Erfolgbilanz der Schulpartnerschaft mit dem St. Joseph House of Hope. Doch geht es dem Schulleiter Achim Libischer nicht nur darum, einseitig Geld von Deutschland nach Kenia zu überweisen. Mindestens genauso wichtig ist es ihm, bei seinen Schülern ein Bewusstsein dafür schaffen, wie glücklich sie sich schätzen können, in Frieden, Freiheit, Wohlstand und Sicherheit leben zu können.

Achim Libischer: „Obwohl sie in Armut leben, sind die Kids in Kenia echt gut drauf, versprühen Lebensfreude. Sie sind dankbar dafür, in die Schule gehen und etwas lernen zu dürfen, um die Chance zu haben, sich aus der Armut rauszustrampeln. Im Gegensatz dazu realisieren viele Kids hierzulande gar nicht zu, wie gut es ihnen eigentlich geht. Trotz der fortschreitenden Digitalisierung und modernster Unterichtsmethoden haben manche ‚keinen Bock‘ auf Schule. Diesen Widerspruch möchten wir ihnen klar machen.“

Achim Libischer hofft, dass durch die Schulpartnerschaft enge Beziehungen zwischen den Schülern entstehen, um durch den kulturellen und informativen Austausch die Horizonte der Kinder für eine ihnen bisher unbekannte Welt zu öffnen. Persönliche Briefe aus Kenia sind dazu bestens geeignet.

 

 

Text: Carmen Hahner, Streutal-Journal